Im Gespräch mit Vanessa del Rae


Hallo Vanessa! Schön, dass du da bist. Erzähl mir doch bitte mal gleich, warum erfüllte Sexualität so wichtig ist. Wegen der Gesundheit? Du warst ja fast 30 Jahre Krankenschwester …

Ja, hallo Bella. Mach’ ich gern.

Sexualität ist der Inbegriff des Lebens. Wenn sie nicht wäre, würden wir uns ja gar nicht fortpflanzen. Wenn eine Paarbeziehung funktioniert, und dazu gehört eben eindeutig auch Sex, kann vieles, was der Alltag einem so abfordert, leichter bewältigt werden. Und klar ist Sex gesund. Wer frisch verliebt ist und Sexualität lebt, sieht einfach strahlender aus, wirkt lebendiger und offener. Außerdem: Der Akt an sich erhöht die Atemfrequenz, fördert die Durchblutung, schüttet ganz viele Endorphine aus, macht gelenkig und nebenbei auch ne Menge Spaß.

Also ist es doch was ganz Natürliches. Wieso kommen die Menschen dann in dein Coaching?

Bei den Meisten ist die Kommunikation darüber das große Manko. Viele Beziehungen scheitern an der Sprachlosigkeit. Wie schaffe ich es, mit meiner Partnerin, meinem Partner, über meine körperlichen Bedürfnisse zu reden und dadurch meine Beziehung lebendig zu halten? Frauen kommen auch deshalb häufig zu mir, weil sie ihre Weiblichkeit verloren haben und Männer, weil sie sich in ihrer Männlichkeit nicht mehr finden. Viele Frauen denken heute, sie müssten sich verhalten wie Männer und auch die Männer haben einige Möglichkeiten, die sie brauchen, um in ihre Kraft zu kommen, verloren. Damit büßen beide den wichtigen Spannungsbogen zwischen männlich und weiblich ein.

Wie können Frauen und Männer sich erreichen und in ihrer Weiblichkeit und Männlichkeit unterstützen?

Entscheidend sind gegenseitige Anerkennung, Wertschätzung und Respekt für die jeweilige Andersartigkeit. Sie sind der beste Opener dafür, die Partnerin oder den Partner für mich zu gewinnen. Männer brauchen gerade in der Sexualität ganz viel Bestätigung. Umgekehrt wäre es schön, wenn sie lernen würden, Frauen richtig zu berühren, nicht nur handfest und körperlich, sondern auch auf Herzebene. Nur dann erreichen sie die Frauen wirklich. Da tun sich viele Männer leider unendlich schwer.

Warum? Ist das die Angst vorm Versagen?

Mit Sicherheit auch. Es hat aber leider auch damit zu tun, dass viele Männer glauben, dass sie da nix zu verbessern haben. Sie sind sich dieser Defizite nicht bewusst. Frauen sind da selbstkritischer.

Wie kann ich denn meine sexuellen Wünsche kommunizieren, ohne dass mein Partner Reißaus nimmt?

Durch Auslagern. Wenn eine Frau ihrem Mann beispielsweise nahebringen will, dass sie mal Lust auf BDSM hat, dann kann sie ihm von einer Freundin erzählen, die das gemacht hat und schauen, wie er darauf reagiert. Oder sagen, sie habe einen Film gesehen oder ein Buch gelesen. Dann läuft sie nicht gleich Gefahr, abgelehnt zu werden. Das ist ja die größte Angst dabei. Wenn er neugierig reagiert, kann sie dann sagen: Das würde ich auch gern mal ausprobieren. Vielleicht rennt sie ja offene Türen ein. Am besten macht man sowas natürlich in entspannter Atmosphäre. Ein hervorragender Moment dafür ist direkt nach dem Sex. Da ist man so miteinander verbunden, dass man auch heikle Themen ansprechen kann. Ein Fünkchen Mut ist jedenfalls immer hilfreich.

Können Medien denn dabei helfen oder setzen Filme, Bücher, Werbung die Menschen nicht eher sexuell unter Druck?

Es gibt schon eine Menge inspirierender Filme und Bücher, die dazu beitragen können, den Sex zu verbessern. Wenn man sich allerdings mit den Astralkörpern in Pornos vergleicht, kann einen das sicher unter Druck setzen. Genau wie Statistiken, die besagen, dass man x Mal in der Woche Sex haben muss, um normal zu sein. Das finde ich Unsinn. Die Leute sollten halt gucken, womit sie selbst glücklich sind. Wie ihr Rhythmus ist, sei erst mal dahingestellt. Wichtig ist, dass sie es machen. Und dass es vor allem auf der To-do-Liste nicht ganz unten steht, sondern oben.

Was hältst du in diesem Zusammenhang von „Shades of Grey“? Stehen Frauen plötzlich kollektiv auf BDSM?

Das Buch spricht Sehnsüchte an. BDSM gibt es schon seit Menschengedenken und aus vielen Coaching-Gesprächen weiß ich, dass solche Fantasien da sind, mal mehr mal weniger. Aber wegen der Tabuisierung und ihrer eigenen Konditionierung trauen sich viele Frauen nicht dran und wagen nicht zu sagen, dass sie mal gefesselt oder einfach genommen werden möchten. Das Buch macht diese Wünsche gesellschaftsfähig. Insofern ist es wichtig.

Zeigt es auch den Wunsch der Frauen nach mehr Männlichkeit der Männer?

Unbedingt. Das Problem heute ist ja: Die Frauen sind so stark, dass sie die Männer kaum mehr brauchen. Aber gleichzeitig haben sie den Wunsch, sich auch anlehnen zu können, letztlich, sich auch mal hinzugeben. Sie wollen die Stärke der Männer spüren. Zeitgleich können sie es aber nicht zulassen. Ein Dilemma.

Sind die Ansprüche der Frauen da nicht manchmal viel zu hoch?

Es ist schon so, dass noch viele von dem perfekten Prinzen träumen, der mal eben auf dem Schimmel ins Wohnzimmer geritten kommt. Da ist es wichtig, sich der Realität zu stellen. Eine Kröte muss man schlucken. Also, auch wenn etwas an dem Menschen ist, das nicht in mein Beuteschema passt, hat er oder sie vielleicht andere Vorzüge, von denen ich gar nicht geahnt hatte, dass es sie überhaupt gibt. Vielen Frauen steht aber auch ihre Wut im Weg.

Wut? Auf die Männer? Warum?

In meinen Beratungen und Kursen sitzen oft stinkwütende Frauen und wundern sich, warum sie keinen Partner finden. Die Wut hat mehrere Gründe. Geschichtlich gesehen gab es unbestreitbar viele Übergriffe von Männern gegen Frauen, allein in den Kriegen. In der Erziehung haben die Frauen ihre negativen Erfahrungen dann oft auf die Folgegeneration übertragen. Heute besteht eine berechtigte Wut, weil Männer bei gleicher Arbeit nach wie vor deutlich mehr verdienen. Auch die Emanzipation hat dazu beigetragen. Sie ist wichtig, aber früher schloss sie die Männer radikal aus. Die Wut der Frauen richtet sich aber nicht nur gegen Männer, sondern auch gegen sich selbst. Mit ihrem „Ich bin zu dumm, zu klein, zu dick, zu irgendwas“ vernichten sie sich permanent selbst.

Wie werden Frauen ihre Wut denn wieder los?

Indem sie Eigenverantwortung übernehmen und selbst Sorge dafür tragen, ihr Leben so zu gestalten, dass sie in ihre eigene Kraft kommen. Wenn sie sich, ihr Leben und das, was sie tun, selbst nicht mögen, wie sollen es dann die Männer tun? Das gilt natürlich auch umgekehrt.

Was kann frau/man konkret tun, um sich selbst und die eigenen Bedürfnisse und Vorlieben besser kennen zu lernen?

Konditionierungen, die 30 oder 40 Jahre eingeübt sind, die kann man nicht von heute auf morgen abstreifen. Aber man kann jederzeit umlernen, egal wie alt man ist. Ein Kurs oder Coaching kann eine Initialzündung für einen solchen Prozess sein. Ich begleite manche Menschen über Jahre hinweg und unterstütze sie, sich an die eigenen Grenzen zu trauen und auch immer wieder darüber hinweg, um sich die Wünsche und Fantasien in ihr Leben zu holen.

Welches ist denn dein erfolgreichster Kurs?

Mein ältester: “Break Free – Be Erotik. Striptease and Dance.” Wobei es im engen Sinne nicht darum geht, dass die Frauen lernen zu strippen, sondern etwas freizulassen, indem sie neue Facetten ihrer Weiblichkeit und Erotik entdecken. Die Frauen sind meist sehr aufgeregt, wenn sie ankommen und keine von denen glaubt, was sie abends tut. Nicht nur deswegen ist es für mich jedes Mal aufs Neue total berührend, was da passiert. Manchmal habe ich Gruppen, wo die älteste Frau 70 und die Jüngste Anfang 20 ist. Aber für alle stellt sich schnell raus, dass Frausein völlig unabhängig davon ist, wie alt du bist. Dass schafft heilsame Verbindungen unter den Frauen. Beim High Heels-Training als abgeschwächte Form ist es ähnlich.

Wie reagieren Frauen und Männer auf dich und das, was du machst? Schrecken sie zurück? Sind sie neugierig?

Die Neugier habe ich immer auf meiner Seite, weil alle den Wunsch nach Partnerschaft oder zumindest nach Sex haben. Wobei Männer das, was ich mache, häufig total missverstehen. Ich habe zu Anfang ziemlich oft sehr schräge Anfragen bekommen, was nur noch selten passiert, da ich klare Grenzen ziehe. Erschrecken gibt es an manchen Stellen auch, je nachdem in welchem Kontext ich mich gerade befinde. Sexcoach, da assoziieren die Leute ja auch sofort: Die sitzt daneben. Die können sich oft nichts darunter vorstellen. Das rücke ich dann ins rechte Licht.

Was ist dein größter Wunsch in Bezug auf das Thema Sexualität?

Ein ganz normaler Umgang damit. Und dass Menschen, die sich lieben, einfach ein gutes Leben miteinander haben können. Was auch bedeutet, dass sie genauso wertschätzend auseinandergehen können, wenn die Beziehung sich nicht wiederbeleben lässt. „Bis dass der Tod euch scheidet“ meint für mich nicht nur den leiblichen Tod eines Menschen, sondern auch den der Beziehung.

Glaubst du, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn Menschen eine erfüllte Sexualität hätten?

Oh ja. Die Welt wäre total friedlich.

Besten Dank für deine Zeit und Lust, mir die Fragen zu beantworten.

Mehr zu Vanessa del Rae erfahrt ihr unter:

www.sensuality-school.com

 

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